Marion Schneider

Gibt es einen weiblichen/männlichen Blick?

Gibt es einen männlichen und gibt es einen weiblichen Blick? Ich möchte die Frage so sehr bejahen wie die Frage, ob es einen männlichen und einen weiblichen Körper gibt. Dieser Körper, gesteuert durch seine unterschiedlichen Hormone1, bildet die biologische Grundlage unseres Bewusstseins. Jede Lebensäußerung unserer Umwelt, wozu schon jeder Gedanke, jedes Gefühl unserer Mutter gehört, jede Kontaktaufnahme unseres Vaters schon vor unserer Geburt, bilden unser Bewusstsein und unser Sein.

Heute wissen wir, dass selbst unsere Gene dem Umwelteinfluss unterworfen sind und sich verändern können.2 Wir sind geprägt von unserer Umwelt und unserer Geschichte, nicht nur unserer persönlichen Geschichte, sondern auch der Geschichte der Menschheit.3 Eingebettet in Geschichte und Gegenwart entwickeln wir unser Ich, und jedes Ich ist einzigartig.

Jede Generalisierung ist insofern schon ein Wagnis, und doch ist es Aufgabe von Politik, Philosophie, Geschichts- und Religionswissenschaft, von jeglicher Art von Wissenschaft, Verallgemeinerungen zu treffen, wobei sie sich unbedingt der Bedingtheit ihrer Aussagen bewusst sein sollte. Jedes Dogma ist also eigentlich ein Tabu in der Wissenschaft – sollte es sein. Zunehmend wird sich die Wissenschaft ihrer Begrenztheit und der Notwendigkeit der Verabschiedung aller Tabus bewusst. Es ist ein schwieriger Prozess, denn auch die Wissenschaft baute in ihrem Entwicklungsprozess auf Tabus und Dogmen auf.

Die Reproduktion unserer Art ist das Überlebensgesetz der Natur, der wir unterworfen sind. Sich ihr zu verweigern, sie zu besiegen, ist Teil der Unterwerfung der Natur, der Dominanz der Menschen über die Natur. Dies ist erreicht: Wir vermehren uns nicht mehr, wenn wir es nicht wollen, zumindest nicht in der am weitesten entwickelten Gesellschaftsstruktur, die derzeit die Welt dominiert. Dieser Sieg über die Natur wird mit der umfassenden Unterdrückung unserer biologischen Funktionen erkauft. Die Anti-Baby-Pille verändert die biochemischen Funktionen und Reaktionen des Körpers und unterwirft die Frau einer ständigen Scheinschwangerschaft, was ihre Empfindungen, Reaktionen, Gerüche und Funktionen verändert. Der Mann, der auf sie nun reagiert, ist einer, der bereit ist, ein werdender Vater zu sein, denn um dieser Frau zu gefallen, ist ein Ernährer der Familie gesucht. Auch Sterilisation, für die sich einige Männer und Frauen entscheiden, verändert ihre grundlegende Einstellung zum anderen Geschlecht und somit ihr Verhalten. Jede andere Art von Verhütung ist eine rein mechanische, die unsere biologischen Reaktionen und Funktionen nicht verändert und sie somit für uns weiterhin vollauf kenntlich macht.

In seiner voll entwickelten und nicht unterdrückten biologischen Funktion reagiert unser Körper ab einem gewissen Alter unausweichlich auf das andere Geschlecht. Das Testosteron bewirkt bei Männern mit Beginn der Pubertät, dass der Frauenkörper sie fasziniert und phasenweise dominiert. Der visuelle Reiz steht hier im Mittelpunkt, wiewohl der Geruch eine dominante Rolle spielt, die jedoch nicht so sehr ins Bewusstsein rückt 4. Sofern die Frau nicht durch die Einnahme der Pille schon fremdgesteuert ist, also als vermeintlich Schwangere schon den Nestschützer sucht, reagiert die Frau mit Beginn ihrer Pubertät auf das „beste genetische Material“ eines Mannes. Eindeutig steht im männlichen wie im weiblichen Falle die Fortpflanzung im Mittelpunkt – bewusst oder unbewusst.

Machen die Männer sich nun auf die Jagd, sind es die Frauen, die auswählen, sofern sie die Freiheit und die Macht dazu haben. So bestimmt sich der Nachwuchs, so bestimmt die Natur. Nun hat der Mensch vielerlei Regeln und Ordnungen aufgestellt, diese Gesetze der Natur zu behindern oder gar zu brechen. Der Besitz am Menschen war bis vor kurzem noch erlaubt und gilt sogar noch in einigen Teilen der Welt, die Macht über Menschen ist überall noch vorhanden. Eine individuelle Freiheit ist ein seltenes und sehr kostbares Gut – insbesondere, was die Frauen betrifft. Zur individuellen Freiheit gehört nämlich immer auch die ökonomische Unabhängigkeit. Es gibt nicht viele, die von sich behaupten können, diese Unabhängigkeit zu besitzen.

So kommen wir nun zum männlichen und zum weiblichen Blick. Dieser erfolgt aus einem männlichen und aus einem weiblichen Körper in seiner männlichen oder weiblichen Rolle. Wir alle wissen, dass es beides gibt: Körper und Rolle, und dass sie im Falle der beiden Geschlechter jeweils unterschiedlich sind. Ganz bewusst möchte ich auf die ursprünglichen Bilder zurückkommen, die sehr viel Weisheit in sich vereinen: Die Erde als Mutter, die Sonne als Vater. Die Frau als Lebensspenderin, der Mann als Lebensschützer oder -vernichter. Der Mann als Subjekt, die Frau als Objekt, der Mann als Herrscher, die Frau als Unterworfene, die Frau als Mutter, der Mann als Vater, die nackte Frau, der bekleidete Mann.

Das Bild, welches den Mann dominant bestimmt, wird zunächst hinsichtlich seiner sexuellen Verwertbarkeit gefiltert und geht erst später über sein emotionales Zentrum zurück zu seinem Gehirn; dies im Gegensatz zu dem Funktionieren der Frau, deren Aktionsfluss zunächst über das Herz zu ihrem Sexualorgan und zurück zum Gehirn verläuft. Dies ist die Erkenntnis der auf der über fünftausend Jahre alten Tradition des Ayurveda beruhenden Forschung über die Chakren und deren männliche und weibliche Funktion. Dies bedeutet, dass die Frau zunächst mit dem Herzen denkt und fühlt und dadurch ihre sexuelle Aktivität angeregt wird und beim Mann umgekehrt die Herzensaktivität von seiner visuellen Reaktion angeregt wird. In dem auf dem Heilwissen des Ayurveda aufbauenden, Jahrtausende alten Wissensschatz über die Sexualität (Tantra) führt dies zu der Empfehlung eines ausgeprägten Vorspiels vor dem sexuellen Akt, um die sexuelle Aktivität der Frau und die Herzensaktivität des Mannes umfassend zur Entfaltung zu bringen und somit einen möglichst reichen und lustvollen Höhepunkt zu erleben.

Die auf Besitz und militärischer Macht aufgebaute Herrschaftsform des Patriarchats hat vor allem in den letzten durch die Fotografie und die visuelle Abbildung bestimmten zwei Jahrhunderten das Bild der Frau ganz stark zu einem Lustobjekt manifestiert, dessen sich der Mann bemächtigt. Dieser Rolle ist die Frau bis heute nicht entkommen, sondern sie wird in ihr zunehmend und umfassend vermarktet. Eine solche kulturhistorische, gesellschaftliche wie auch persönliche Erfahrung geht nicht spurlos an den beiden Geschlechtern vorbei. Sie begegnen sich auf diesem „Schlachtfeld der Macht“. Auch wenn die Frau inzwischen in Teilen des Militärs eine Rolle spielt, wird es nicht so sein, dass sie hier einen dominanten Einfluss hat. Als Ganzes werden sich die Frauen eher noch als Betroffene oder Plakativobjekte militärischer Macht empfinden und immer dann, wenn militärische Macht eine größere gesellschaftliche Rolle spielt, nimmt auch der gesellschaftliche und subjektive Einfluss der Frau ab. Sie wird versuchen, sich auf anderen Wegen Einfluss zu verschaffen, z. B. durch die Kindererziehung und -beeinflussung. Für ein entspanntes Verhältnis der Geschlechter nimmt insofern die Rolle des Militärs einen entscheidenden Stellenwert ein, und eine Demilitarisierung der Welt wird auch auf eine friedliche, entspannte und vor allem lustvolle Begegnung der Geschlechter einen wichtigen Einfluss ausüben.

Studien haben herausgefunden, dass Frauen, die in ihrer Ehe finanziell abgesichert sind, größere Lust in der sexuellen Begegnung empfinden, als andere. Die soziale Sicherheit ist für Frauen eine ganz entscheidende Größe in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit und auch ihrer sexuellen Freiheit. Zur Entfaltung eines natürlichen Körpergefühls jedoch ist die wesentlichste Voraussetzung die Freiheit und hier vor allem die Freiheit von Tabus und Dogmen, womit wir wieder am Anfang dieser Abhandlung angelangt sind. Das Privileg einer solchen Erziehung und Sozialisation haben bisher immer nur wenige Männer und Frauen genießen können. Schön ist jedoch, dass viele von ihnen ihre Freiheit in Form von Kunst und Wissenschaft an andere weiter gegeben haben. Hierauf können wir aufbauen.

28.06.2012

 


[1] Brizendine, Louann: „Das weibliche Gehirn – Warum Frauen anders sind als Männer“, Hamburg 2007, Original: „The Female Brain“, New York 2006.

[2] Lipton, Bruce: „Intelligente Zellen, Wie Erfahrungen unsere Gene steuern“, Burgrain 2007, Original: „Biology of Beliefs“, San Rafael (CA) 2005.

[4] Vgl. Brizendine, Louann, Das männliche Gehirn, Warum Männer anders sind als Frauen, Hamburg 2010, Original: „The Male Brain“, New York 2010.