Marion Schneider

Nordamerika

Nordamerika vor dem Kontakt mit Europa

Indianische Besiedlung hat eine Tradition von etwa 12.000 Jahren, und etwa vor 3.500 Jahren began die systematische Landwirtscahft. Ende des 15. Jahrhunderts gab es in Nordamerika inclusive des heutigen Kanada mehr als 600 verschiedene Volksgruppen, und ihre Sprache kann mindestens 12 verschiedenen Sprachgruppen zugeordnet werden. Grundgedanke Ihrer Lebensweise war das Bewusstsein ihrer Abhängigkeit von der Natur und das Trachten nach Ausgleich von Geben und Nehmen. Columbus berichtete über ihre Freundlichkeit, ihr gutes Benehmen und die Tatsache, dass sie ihre Nachbarn liebten wie sich selbst. Ihre Kultur basierte auf der Landwirtschaft, der Jagd und dem Fischfang, eingebettet in von Jahreszeiten bestimmte Rituale und Regeln. Konfliktbewältigung, auch kriegerische, zielte auf Verständigung. Die verletzte Seite erklärte die Ursache der Verletzung und des Handelns, und die angegriffene oder vom Angriff bedrohte Familie oder Gruppe konnte so ggf. eine Entschädigung anbieten, die den Konflikt friedlich beilegte.

Kontakt und Besiedlung aus Europa

Die ersten Kontakte von Europäern zielten auf das Finden von menschlichen (Sklaven) und sachlichen (Gold u.a.) Schätzen und die Ausbeutung derselben oder der Natur (Handel mit Fellen, Pelzen). Die Einwohner Amerikas zu versklaven, war allderings schwierig, denn Brutalität wie eingeführte Krankheiten bewirkten eher ihr Aussterben. So wurde nach den kanarischen und den karibischen Inseln innerhalb von zwei Jahrhunderten auch fast die gesamte Ostküste von ihren Ureinwohnern leergefegt.

Die europäische Entdeckung, Besiedlung und Bewirtschaftung Nordamerikas führte zunehmend zu einer extrem einseitigen Stärkung Europas und seiner Kultur, weil sie auf Ausbeutung beruhte. Sie wurde gleichzeitig ein Ventil für die sozialen Spannungen in Europa. England z.B. verdoppelte seine Bevölkerung zwischen 1550 und 1650.

Während an der Westküste Spanien von Mexiko aus kommend dominierte und dort vor allem die Ausbeute für Spanien suchte, war es an der Ostküste zunehmend ein Siedlerstrom vor allem aus England, aber auch aus Frankreich, der das Leben der indianischen Bevölkerung beeinflusste. Im Machtkampf zwischen Spanien, Frankreich und England konnten sich indianische Stämme immer noch gewissen Einfluss und Macht erhoffen, doch es kam der Zeitpunkt, wo sie Loyalität gegenüber einer Nation zeigen mussten, was ihre Position in der Regel schwächte, da es um kriegerische Auseinandersetzung ging.

Mit Zunahme der Besiedlung schmolz die Macht der Stämme und sie mussten zunehmend Land abgeben, was ihre Position wiederum schwächte, wozu noch die ständig wieder ausbrechenden Epidemien beitrugen. Zwischen 1520 und 1900 kamen etwa 100 Epidemien aus Europa nach Nordamerika, etwa alle vier Jahre und 2,5 Monate eine. Oftmals verloren indianische Gruppen mehr als 75 % ihrer Population innerhalb von wenigen Wochen. Neben den Schockwirkungen war auch die Ernährungsgrundlage oftmals gefährdet, die doch von der strikten Einhaltung jahreszeitlichen Regeln und Arbeiten abhing.

Land und Leben

Während die ersten Siedler sich noch um ein friedliches Auskommen mit den Ureinwohnern bemühten, änderte sich das mit Zunahme der Besiedlung, deren Lebensnerv der Landbesitz und die Ausbeutung der Natur war, das genaue Gegenteil der indianischen Lebensweise, die eine intakte Natur sowie den freien, durch Tradition und Erfahrung geregelten Austausch mit ihr voraussetzte. Herrschender Grundgedanke der Besiedlung aus allen europaeischen Ländern war der Glaube, dass die eigenen Werte die besseren seien und somit der in Nordamerika bestehenden Kultur Glück und Besserung bringe.

Während der ersten Jahrzehnte der Koexistenz indianischer und europäischer Kultur entwickelte sich angesichts der sichtbaren Errungenschaften und Vorzüge indianischer Lebensweise in Abgrenzung dazu zunehmend die Auffassung, dass die indianische Kultur vom Teufel selbst geschaffen sei bzw. ihn selbst repräsentiere. Als sich angesichts zunehmender Repression indianische Selbstverteidigung einstellte, wurde dies nicht nur als Beweis dafür angesehen, sondern auch zum Anlass genommen, sie im Gegenzug dazu anzugreifen und zu enteignen.

Die überlegenen Waffen wie die Berufsarmee an sich, die Vorstellung der Unterwerfung und Beherrschung durch Gewalt auf lange Dauer sowie der Grundgedanke, dass ein Mensch aufgrund seines Geschlechts, seiner Herkunft oder Hautfarbe einem anderen überlegen sei konnte waren es, mit der die europäischen Mächte die indianische Bevölkerung unterwarf. Gegenwehr wurde mit unvergesslicher Kompromisslosigkeit bekämpft. Das erste grosse Massaker ereignete sich an der Westküste im Dezember 1598. Nachdem sich die Acomas gegen das Verlangen spanischer Eroberer nach Nahrung, Wasser und Holz, zusaetzlich verärgert duch Diebstahl und sexuelle Belästigung, duch den Mord von 13 Spaniern wehrten, töteten die spanischen Krieger 800 indianische Männer, Frauen und Kinder, nahmen 600 gefangen, wovon alle ueber zwölf Jahre Sklaven wurden, denen, sofern sie Männer über 25 Jahre waren, ein Fuss amputiert wurde, und gaben die Kinder bis zwölf Jahre den Mönchen als Dienstboten, und kurz darauf wurden noch einmal fast 1000 Menschen getötet und 400 Gefangene genommen, weil sie nicht gleich Nahrung und Decken abgeben wollten.

Die ersten Massaker an der Ostküste ereigneten sich 1636, durch die Kirche legitimiert und ausgelöst durch den gewaltsamen Tod zweier Siedler. Kinder, Greise, Frauen wie Männer wurden erschossen, erschlagen, verbrannt. Es handelte sich um einen organisierten Feldzug über mehrere Wochen. Dies hatte gravierende Auswirkungen auf die Einstellung der übrigen indianischen Stämme, die sich wesentlich bereitwilliger unterwarfen. Gefolgt wurde diese Entwicklung erstmals 1644 durch die Christianisierung, in der sich Stämme der christlichen Unterweisung und weltlichen Unterordnung unterstellten. Schon 1671 folgte das zweite grosse Massaker von 20.000 Narranganset, ebenfalls meist durch Verbrennen. Verantwortlich war der Gouvereur von New York, ausgeführt wurde es von Puritanern aus Massachussetts und Connecticut. Der endgültige Sieg wurde durch den Gouverneur von New York herbeigeführt, und die Überlebenden wurden in die Sklaverei auf die Bahamas verkauft, obwohl sie sich vorher mit dem Versprechen des Schutzes ergeben hatten. Der Kopf des besiegten Häuptlings Matacom wurde über den Stadteingang von Plymouth gehängt, eine Praxis, die die Engländer bereits in der Unterwerfung Irlands erfolgreich angewandt hatten. Hiernach war indianischer Widerstand in Neu England auf immer beendet.

Das Ende des Bürgerkriegs, bei dem die Mehrheit indianischer Stämme auf Seiten Englands stand, verschärfte die Situation der Indianer noch, auch für die, die auf Seiten der Amerikaner gekämpft hatten. Zudem war die Autorität des amerikanischen Staates schwächer gegenüber seinen Bürgern, und in den dann folgenden Jahren war der Siedlerdrang gen Westen nicht mehr aufzuhalten.

Die Übermacht

Das 19. Jahrhundert brachte dann offiziell die Landnahme, Enteignung und Umsiedlung der indianischen Menschen mit sich. Der Staat und die föderalen Institutionen mit dem Militär sicherten diesen Prozess ab. Eine Methode war es, das Land systematisch in Lose aufzuteilen und Teile davon vielfach, aber auch nicht immer, seinen vormaligen Besitzern anzubieten, deren Kultur Privatbesitz von Land nicht kannte. Im Namen der Indianer, die durch zu enges Zusammenleben mit den europäischen Siedlern, inzwischen Amerikaner genannt, nur dem Alkohol und Krankheiten verfielen, insofern die einzige Alternative zur Auslöschung, wurde ausserdem von Seiten des Staates oder des jeweiligen Bundeslandes die Aus- bzw. Umsiedlung indianischer Menschengruppen beschlossen. In Georgia, Mississippi und Alabama wurden die Indianer mit umfassender Unterstützung des Präsidenten Andrew Jackson systematisch enteignet und ausgesiedelt. Auch hierbei verloren viele ihr Leben, den den Creeks beispielsweise fast 50 % des Volkes.

Das schlimmste Schicksal jedoch erlitten die Indianer der Westküste, die von den vom Westen her einströmenden, inzwischen ruchlosen Individuen, als Privatleute, in Banden oder halbstaatlich organisiert, willkürlich ermordet wurden und sich dagegen fast überhaupt nicht wehren konnten, da sie bereits durch die vergangenen zwei Jahrhunderte kolonialer Beherrschung durch die Spanier von 700.000 auf 200.000 Menschen geschmolzen und dazu noch wenig organisiert waren. Blanker Rassismus und Verachtung waren die ideologischen, freie Landverfügung die materiellen Hintergründe dieses Verhaltens von Siedlern und Goldsuchern. 1900 gab es nur noch 15.000 überlebende Indianer an der Westküste.

90 Jahre nach der Gründung der Vereinigten Staaten hatte der Staat 370 Verträge mit indianischen Stämmen geschlossen, wovon kein einziger eingehalten wurde, weil der Staat seine Bürger nicht zur Einhaltung zwang. 1871 beschloss der Kongress, keine Verträge mehr mit Indianern zu vereinbaren, weil sie ungleich und somit kein Rechtssubjekt seien.

Das Ergebnis

In vier Jahrhunderten schmolz die ursprüngliche Bevoelkerung Nordamerikas von 7 bis 10 Millionen auf 250.000 Menschen. Die Herden der Bisons waren um 1895 auf 1.000 Bisons geschmolzen.
Quelle

Wilson, James, The Earth Shall Weep
A History of Native America, New York 1999
Excerpt: Marion Schneider