Marion Schneider

Weihnachten in Deutschland

Je näher Weihnachten rückt, desto mehr bedrängt viele Menschen die Furcht vor der Einsamkeit. Weihnachten ist das Fest der Familie.

Es ist schwer, nicht das zu haben, was fast alle haben, besonders dann, wenn alle es zur gleichen Zeit aktiv erleben. Weihnachten macht das bewusst: keine Eltern, keine Kinder, kein Partner, keine Freunde, vielleicht alle »keins« zusammen: ein großes, schwarzes Loch.

Und das hier, in Deutschland, wo es so unsagbar schwer fällt, Schwäche zu zeigen, vielleicht weil die Gefahr, dass dies später gegen dich gewandt wird, so groß ist.

So kann es also passieren, dass niemand weiß, wie einsam du bist.

Zu Weihnachten interessiert das viele auch nicht, weil sie sich anderem verpflichtet fühlen. Sie feiern das Familienfest. Sie rennen bis zum Countdown für Geschenke und Verpflegung.

Wie vielen, wenigen bleibt noch Zeit, an andere zu denken: an die Hungernden, die Frierenden, die Einsamen beispielsweise. Und dabei feiern wir mit Weihnachten doch die Geburt der Christenheit. Und heißt es da nicht: liebe deinen Nächsten wie dich selbst?

Viele lieben sich gar nicht selbst. Wie können sie dann andere lieben? Sie lieben nicht ihren Körper, den sie vergiften, vollstopfen, malträtieren. Oder einfach nicht pflegen, obwohl es ihr einziger, unverwechselbarer, wichtigster Mediator zur Außenwelt ist. Oder sie lieben ihren Geist nicht, achten ihn gering, schmähen ihn oder führen ihn ständig an seine Grenzen. Oder sie lehnen ihre Gefühle ab, möchten ganz andere haben, verachten sie oder sich, unterdrücken sie. Oder überzüchten sie zu unnatürlichen Monstern.

Wie soll man andere lieben, wenn man sich nicht liebt? Gewiss: bei manchen Menschen kann man fast gar nicht anders, als sie lieben, weil sie eine solche Ausstrahlung haben, weil sie vielleicht das verkörpern, was man selbst gerne möchte, weil sie schön sind oder einem viel Gutes tun. Doch das ist nicht die Regel. Es ist eher die seltene Ausnahme.

Wie soll man Menschen lieben, die das verkörpern, was man selbst ablehnt, zum Beispiel arm sind, verkrüppelt, einsam?

Liebt man andere aber, wenn man sich selbst liebt? Ist man dann nicht eher ein Egoist?

»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« ist an die gerichtet, die vom Leben zumindest so viel erhielten, dass sie abgeben können. Es ist an erwachsene Menschen gerichtet, die Verantwortung tragen können. Es ist an die gerichtet, die leiten können. Diese sind aufgefordert, ein gutes Beispiel zu geben, das zu tun, was in ihrer Macht steht, um Trauer, Leid und Hunger abzuwenden.

Lieben heißt geben. Wir, die Erwachsenen, können fast alle geben. Irgendetwas haben wir sicher. Warum tun wir es dann nicht ganz einfach?

Noch immer sind wir bequem, schnell bereit, die Verantwortung zu delegieren. Der Staat, die Regierung, die Stadtverwaltung sollen sich doch um die Obdachlosen kümmern, die Unternehmen doch die Arbeitsplätze schaffen, die Gewerkschaften doch die Löhne erhöhen. Irgendjemand wird sich doch finden, der dem Bettler fünf Mark gibt – warum ich? Irgendjemand wird den ertrinkenden Jungen retten, die Vergewaltigte trösten und aufbauen, irgendjemand.

»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« ist die Aufforderung, mit wachen Augen durchs Leben zu gehen und jederzeit so zu handeln, wie es diesem Prinzip entspricht. Religionstoleranz, Friedenspolitik, soziale Sicherheit sind bei dieser Lebensleitlinie, würde sie von allen gelebt, selbstverständliches Resultat.

Weihnachten kann daran erinnern, im kommenden Jahr den Geboten der Liebe zu folgen. Die Gefühle, Bedürfnisse anderer, ihre Nöte wichtiger zu nehmen als das eigene Bedürfnis nach Schönheit und Sicherheit, als die Angst vor der Ablehnung durch die, die anders denken.

Natürlich ist es schwer, anders zu handeln, als es die anderen tun. Irgendjemand muss doch aber damit beginnen und – nichts ist erfolgreicher als der Erfolg – es zu tun!
Und wenn das der Sinn des Lebens ist: das zu tun, was dir im Leben begegnet, nicht nur zu reagieren, sondern aktiv handelnd solche Werte zu verfolgen, die persönliches Glück bestärken können, das eigene wie das andere.

Ja, Glück! Die Amerikaner haben das Recht auf Glück in ihrer Verfassung verankert.

Weihnachten, das Fest der Freude, könnte ein Anlass sein, darüber nachzudenken, ob nicht auch wir damit dem Reich der Liebe ein wenig näher rücken könnten …